Zeit sinnvoll nutzen

Das Problem mit der Zeit

Es gibt Tage, an denen die Zeit kaum vergeht. Du sitzt irgendwo, wartest, schaust auf die Uhr und denkst: Wie kann es erst diese Uhrzeit sein? Und dann gibt es diese anderen Tage. Sie haben gerade erst angefangen, und plötzlich sind sie schon wieder vorbei. Ein Abend mit einem Menschen, auf den du dich gefreut hast. Ein Urlaub, der sich gerade richtig angefühlt hat. Ein Nachmittag, an dem du eigentlich noch bleiben wolltest. Gerade die Zeit, die wir gerne behalten würden, scheint oft besonders schnell zu vergehen. Vielleicht ist es manchmal auch gar nicht die Menge an Zeit, die uns fehlt.

Eine Stunde bleibt eine Stunde

Auf der Uhr sieht jede Stunde gleich aus. Für unser Empfinden gilt das jedoch nicht. Eine Stunde im Wartebereich kann sich ziehen. Eine Unterhaltung, auf die du dich gefreut hast, ist dagegen manchmal schon vorbei, bevor du überhaupt richtig angekommen bist.

Auch im Rückblick verändert sich unser Eindruck von Zeit. Wenn wir viele neue und besondere Dinge erleben, bleiben mehr einzelne Erinnerungen zurück. Eine solche Zeit kann uns später länger vorkommen. Routinen hinterlassen dagegen oft weniger markante Erinnerungen. Deshalb kann ein Lebensabschnitt im Rückblick plötzlich erstaunlich schnell vergangen sein.

Das Interessante daran: Zeit kann sich während des Erlebens ganz anders anfühlen, als wenn wir später darauf zurückblicken. Wir erleben die Zeit also einmal, während sie passiert, und noch einmal, wenn wir uns an sie erinnern.

Warum sich Zeit so unterschiedlich anfühlt, lässt sich also zumindest zum Teil erklären. Trotzdem bleibt dieses andere Gefühl: Manche Momente haben kaum begonnen, und man wünscht sich trotzdem schon, sie würden noch ein bisschen bleiben.

Von manchen Momenten hätten wir gerne mehr

Es braucht dafür nicht einmal etwas Außergewöhnliches. Ein Gespräch, das einfach weiterläuft. Ein Morgen im Urlaub, an dem niemand irgendwohin muss. Ein Spaziergang, bei dem du plötzlich merkst, dass du viel weiter gelaufen bist als geplant. Oder ein Abend, an dem du dich so wohlfühlst, dass du noch nicht möchtest, dass er endet.

Dann kommt dieser Gedanke: Davon hätte ich gerne mehr.

Du würdest einen ruhigen Moment gerne noch weiter erleben. Noch ein bisschen an diesem Ort bleiben. Oder einfach mehr Zeit mit diesem Menschen haben. Solche Momente lassen sich nicht planen. Natürlich kann man versuchen, etwas Ähnliches wieder zu konstruieren. Man kann zurück an denselben Ort fahren oder sich wieder mit diesem Menschen treffen. Trotzdem ist der ursprüngliche Moment vorbei.

Vielleicht versuchen wir genau deshalb manchmal, ihn festzuhalten. Mit einem Foto, mit dem Wunsch, dass er noch ein bisschen bleibt, oder indem wir uns später immer wieder daran erinnern.

Vielleicht macht gerade seine Vergänglichkeit ihn so wertvoll.

Zeit zu füllen ist etwas anderes, als sie zu erleben

Wenn das Gefühl entsteht, zu wenig Zeit zu haben, liegt die naheliegende Lösung scheinbar auf der Hand: möglichst viel aus ihr machen. Den Tag besser planen. Weniger Zeit verschwenden. Dinge schneller erledigen. Aber wie viel „Quality Time“ hast du davon wirklich? Ein voller Tag fühlt sich nicht automatisch genauso an wie ein erfüllter Tag. Du kannst von morgens bis abends beschäftigt sein und dich später fragen, wo dieser Tag eigentlich geblieben ist. Vielleicht hast du sogar alle To-dos erledigt, die du dir vorgenommen hattest. Umgekehrt kann ein ruhiger Tag lange in Erinnerung bleiben, obwohl gar nichts besonders Spektakuläres passiert ist.

Eine Untersuchung zum sogenannten „positive time use“ beschreibt einen guten Umgang mit Zeit unter anderem über die Übereinstimmung mit den eigenen Bedürfnissen und Werten, ein ausgewogenes Leben und das Gefühl, die eigene Zeit sinnvoll gestalten zu können. Effizienz allein scheint dafür also nicht entscheidend zu sein. Ein zusätzlicher Tag würde dieses Gefühl nicht automatisch lösen.

Was bleibt von unserer Zeit?

Von manchen Stunden würden wir gerne ein Stück abgeben. Andere sind vorbei, bevor wir überhaupt richtig gemerkt haben, wie schön sie gerade waren. Und wenn wir später an ein ganzes Jahr zurückdenken, bleiben davon vielleicht nur ein paar einzelne Momente besonders deutlich. Vielleicht zeigt sich darin etwas über unseren Umgang mit Zeit: Nicht alles, was viel Raum in unserem Leben einnimmt, bleibt uns später gleich wichtig. Manches, das damals nur ein kurzer Augenblick war, bekommt erst später seinen Platz in unserer Erinnerung.

Was wir mit Zeit nicht machen können

Wir können einen schönen Moment nicht auf Vorrat sammeln. Ein Urlaub lässt sich nicht langsamer machen, nur weil er uns gefällt. Ein Abend wird nicht länger, wenn wir ständig daran denken, dass er bald vorbei ist. Und manchmal kommt die Zeit, nach der wir uns sehnen, überhaupt nicht dann, wenn wir sie gerade brauchen.

Das macht Zeit so eigenartig. Wir können planen, wann wir aufstehen, wohin wir fahren oder mit wem wir uns treffen. Aber wir können nicht festlegen, wann sich ein Augenblick wirklich nach Leben anfühlt. Manchmal passiert es mitten in einem ganz gewöhnlichen Tag. Und manchmal haben wir alles dafür getan, dass ein Tag schön wird, und trotzdem bleibt dieses besondere Gefühl aus. Vielleicht müssen wir deshalb auch aufhören, von der Zeit ständig zu verlangen, dass sie sich richtig anfühlt. Sie wird langsam vergehen, wenn wir warten. Sie wird schnell vergehen, wenn es schön ist. Und beides gehört dazu.

Der nächste klare BlueRime-Schritt

Wenn du heute einen Moment erlebst, von dem du gerne mehr hättest, darfst du ihn einfach genießen. Du musst ihn nicht festhalten. Nimm einfach wahr, dass er gerade da ist.

Vielleicht geht es manchmal gar nicht darum, mehr Zeit zu haben. Sondern mehr von dem, was sich nach Leben anfühlt.

Lesezeit

4–6 Minuten
Teile diesen Beitrag

1 Kommentar zu „Das Problem mit der Zeit“

  1. Pingback: Warum ein Film keine Zeitverschwendung ist |

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen